Damit – wie im Pariser Klimaabkommen vereinbart – der weltweite Temperaturanstieg auf 1,5 Grad gegenüber vorindustriellem Niveau langfristig erreicht wird, müssen spätestens ab 2050 sämtliche dann noch getätigte Emissionen durch die Entfernung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre ausgeglichen werden. Möglichkeiten dazu sind unter anderem Aufforstung, Bioenergiekraftwerke mit CO2-Abscheidung oder Maschinen, die das Treibhausgas direkt aus der Luft entziehen. Der Kohlenstoff wird dann tief unter der Erde in ehemaligen Öl- und Gasdepots gespeichert. „Bei realistischer Berechnung liegt das langfristige jährliche Potenzial all dieser natürlichen und technischen CO2-Senken jedoch bei weniger als zehn Prozent des derzeitigen jährlichen Treibhausgas-Ausstoßes“, fasst Julia Danzer eines der zentralen Ergebnisse der neuen Studie zusammen, die sie gemeinsam mit Gottfried Kirchengast vom Wegener Center und Institut für Physik der Universität Graz veröffentlicht hat. Darin analysieren die beiden auch, wie global begrenzte Emissions- und Entfernungsbudgets auf einzelne Länder aufgeteilt werden können, die für sich und in Summe auch weltweit Klimaneutralität erreichen wollen.
Gaming-Welt deckt Unrecht auf
Kirchengast und Danzer haben dazu ein plakatives „Computerspiel-Modell“ entwickelt: In einer fiktiven Austro-World gibt es vier typische Länder: Reichenland und Armenland mit je drei Millionen Einwohner:innen, Wunderland mit zwei Millionen und Andersland mit einer Million. Sie haben zwei Jahrzehnte Zeit, um jeweils auf Netto-Null-Emissionen zu kommen. Bei einem Entfernungsbudget von beispielsweise 100 Millionen Tonnen CO2, das in einer fairen Welt gleichmäßig auf alle Personen aufgeteilt wird, ist die Rechnung einfach: Reichen- und Armenland erhalten je rund 33 Millionen, Wunderland 22 und Andersland 11 Millionen Tonnen.
Ausgehend von so einer fairen Welt haben die Forscher:innen weitere Szenarien untersucht, in denen es weniger gerecht zugeht: etwa, dass Reichenland auf Kosten von Armenland größere Emissionsmengen beansprucht und zusätzlich Vorteile bei CO2-Senken ausnützt.
„Beispielsweise kann ein Erdölförderland andere Länder durch die Kontrolle über den Zugang zu seinen Lagerstätten für CO2-Speicherung ein weiteres Mal abhängig machen“, erklärt Kirchengast. Die Konsequenz bei einem Szenario dieser Art: Das Reichenland hat nun 63 Millionen Tonnen CO2-Entfernungsbudget, während dem Armenland nur mehr 16 Millionen bleiben.
„Unser Modell ist in dieser Erststudie absichtlich stark vereinfacht, verdeutlicht aber das grundlegende Problem. In einem nächsten Schritt kann es für echte Länderdaten verwendet werden“, betont Kirchengast. „Aber es ist so schon klar, wie sehr angesichts der Begrenztheit nachhaltiger CO2-Senken eine lasche Klimapolitik der jetzigen Kindergeneration eine riesige und extrem unfaire Bürde auflastet.“ „Der Aufbau von CO2-Entfernung in großen Mengen braucht auch viel Zeit, egal, ob man Bäume pflanzt oder neue Technologien entwickelt“, ergänzt Julia Danzer. „Unsere Studie zeigt, dass dabei Fairness ebenso wichtig ist wie für die dringend nötige Reduktion von Treibhausgasen im Rahmen des begrenzten Emissionsbudgets.“