Die Südseestaaten Fidschi und Salomonen haben die größten Mangrovenwälder der pazifischen Inseln. Diese Ökosysteme erfüllen wichtige Funktionen im Klimaschutz. Zum einen binden sie CO2 aus der Atmosphäre, zum anderen bewahren sie die Küsten vor Erosion und Überflutung, wenn der Meeresspiegel steigt. Dennoch ist ihr Schutz keine Selbstverständlichkeit. In Fidschi sollen sie Sandstränden für Tourist:innen Platz machen. Auf den Salomonen müssen sie Transportwegen für den Holzexport durch malaysische und chinesische Unternehmen weichen. Bereits während der Kolonialisierung durch die Briten wurden Mangrovenwälder gerodet, um an der Küste Häfen anzulegen. Sie galten als nutzlos, weil mit ihnen kein Geld zu verdienen war. Darüber hinaus hatten sie in den Augen der Europäer:innen ein negatives Image: dunkel, bedrohlich und wild, wie die einheimische Bevölkerung.
Indigene Erzählungen gegen koloniale Narrative
„Ausgehend von Archiv-Recherchen werden wir uns kritisch mit diesem Erbe auseinandersetzen und aufzeigen, wie es bis heute in Wirtschaft und Gesellschaft fortwirkt“, erklärt Bruckner. Sogar der Naturschutz reproduziert koloniales Denken: „Wieder sind es Expert:innen von außen, die Einheimische aufklären, wie wertvoll der Ort ist, an dem sie leben“, so die Forscherin. Sie will, dass die Inselbewohner:innen ihre eigenen Geschichten erzählen, über ihre Traditionen, Erfahrungen und Emotionen, die ihre Gemeinschaften seit Jahrhunderten mit den Mangroven verbinden. Diese Geschichten sollen die Menschen ermächtigen, ihre Zukunft selbst zu gestalten. „Denn unsere Beziehung zu einer Landschaft beeinflusst die Art und Weise, wie wir mit ihr umgehen. Wir müssen die Natur mit allen Sinnen wahrnehmen, um unser Verhältnis zu ihr und die Sorge um sie zu vertiefen“, unterstreicht Bruckner.
Neben ethnografischer Feldforschung werden Wissenschaftler:innen mit Jugendlichen auf Fidschi und den Salomonen zwei Jahre lang Storytelling-Praktika durchführen. Sie sammeln Geschichten über das Leben mit den Mangroven und setzen sich mit der Kultur und den Traditionen ihrer Gemeinschaften auseinander. Auch Politik und öffentliche Verwaltung werden eingebunden. Schließlich soll eine digitale Storymap mit Texten, Bildern und Videos die indigenen Erzählungen festhalten – als Wegweiser in eine gute Zukunft für die Menschen und Mangroven.
Heide Bruckner studierte Environmental Studies (BA) in New York, Human Geography (MA) in Arizona und Agroecology in Kalifornien. Von 2014 bis 2018 forschte sie als Dissertantin am Institut für Geographie und Raumforschung der Uni Graz zu Landwirtschaft und Ernährungssystemen in Österreich. Nach ihrer Promotion war sie Assistant Professor an der University of Colorado in Boulder. 2022 kehrte sie an die Uni Graz zurück, um eine Stelle als Universitätsassistentin anzunehmen. In der Folge forschte sie im Rahmen des EU-Horizon-Projekts FALAH – Family Farming, Lifestyle and Health in the Pacific Islands. Nun bekam Heide Bruckner einen ERC Starting Grant in Höhe von 1,5 Millionen Euro auf fünf Jahre für das Forschungsvorhaben „Feeling the tides of change: restor(y)ing visceral ecologies of mangroves in the Pacific Islands“.